Mentale Gesundheit in der Ausbildung

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Ein Interview mit Jennifer Schomakers

Wir haben mit Jennifer Schomakers gesprochen, Sozial- und Organisationspädagogin (M.A.), Meditationslehrerin sowie erfahrene azubiJump Trainerin. Seit vielen Jahren begleitet sie Auszubildende und weiß, welche Themen im Alltag besonders belasten, worauf man achten sollte und welche Strategien wirklich dabei helfen, mental stark zu bleiben.

  1. Warum ist mentale Gesundheit gerade für junge Menschen in der Ausbildung so ein wichtiges Thema?

Weil sie in dieser Lebensphase oft viel Neues auf einmal lernen und verarbeiten müssen. Die Umstellung vom Schul- zum Ausbildungsalltag bringt häufig Unsicherheit mit sich – man weiß nicht immer genau, was von einem erwartet wird. Gleichzeitig kann die Menge an Aufgaben und der Lernstoff schnell zu Überforderung führen. Weniger Freizeit, Prüfungsstress und ggf. auch Konflikte im Betrieb können zu einer zusätzlichen Belastung werden. Deswegen ist es umso bedeutender, früh Strategien zu entwickeln, um mit Druck und Stress umzugehen und die eigene mentale Gesundheit zu schützen.

  1. Woran erkennst du bei dir, dass Stress oder Überforderung „zu viel“ werden? Was sind typische Warnsignale, auf die man achten sollte?

Wenn bei mir besonders viel los ist und der Stress ansteigt, merke ich die ersten Anzeichen oft an innerer Unruhe und Gereiztheit. Meine Stimmung wird nach und nach schlechter, und ich ärgere mich schon über kleine Dinge. Mittlerweile erkenne ich diese Anzeichen früh genug, um dann mit bewussten Auszeiten gegenzusteuern.

Darüber hinaus gibt es viele weitere typische Warnsignale, auf die man achten sollte, auch wenn sie von Person zu Person unterschiedlich sind. Dazu gehören Schlafprobleme, körperliche Beschwerden wie Kopfschmerzen oder Verspannungen, Konzentrationsschwierigkeiten, Rückzug von Freund:innen oder Hobbies und das Gefühl, ständig ausgelaugt zu sein. Wenn eines oder mehrere dieser Symptome über einen längeren Zeitraum anhalten, macht der Körper einem deutlich, dass es höchste Zeit ist, einen Gang runterzuschalten.

  1. Wie kann man als Auszubildende:r gut für sich sorgen?

Auch wenn während der Ausbildung oft wenig Zeit bleibt, ist es wichtig, auf sich selbst zu achten. Ein erster Schritt ist, sich bewusst Zeit für sich zu nehmen und sich zu fragen: „Was tut mir eigentlich gut?“ Danach kann man überlegen: „Was hält mich davon ab, die Dinge zu tun, die mir guttun?“

Wenn die Antwort „ich habe einfach keine Zeit“ ist, hilft es, kleine Zeitinseln im Alltag einzuplanen – selbst fünf oder zehn Minuten bewusst für sich selbst können schon viel bewirken. Am besten kann man dafür Übergänge nutzen: nach dem Aufstehen, zwischen zwei Arbeitsaufträgen, vor dem Schlafengehen. Es gibt auch viele Leute, die sagen, sie hätten zu viele Verpflichtungen. Hier kann es helfen, die eigenen Prioritäten zu prüfen und zu überlegen, was wirklich notwendig ist. So kann man auch in einem vollen Alltag dafür sorgen, dass man sich nicht komplett auslaugt und genug Energie für die Dinge hat, die einem guttun.

  1. Was können Ausbilder:innen oder Kolleg:innen tun, um mental belastete Azubis zu unterstützen?

Ausbilder:innen und Kolleg:innen können für Auszubildene eine bedeutende Stütze in belastenden Phasen sein. Wichtig ist zunächst, ein offenes Ohr zu haben und ein Umfeld zu schaffen, in dem sich die Azubis vertrauensvoll mitteilen können. Schon kleine Gesten wie nachzufragen, wie es gerade läuft, oder Verständnis für stressige Situationen zu zeigen, können viel bewirken. Außerdem können Ausbilder:innen Aufgaben so gestalten, dass sie machbar bleiben, und realistische Erwartungen kommunizieren. Kolleg:innen können ebenfalls unterstützen, indem sie bei Problemen helfen und Tipps geben. Wenn nötig, sollte auch auf professionelle Hilfsangebote verwiesen werden können. Das Ziel sollte eine Unternehmenskultur sein, in der junge Menschen merken: „Ich bin nicht allein, und es ist okay, um Hilfe zu bitten.“

  1. An wen kann man sich wenden, wenn man merkt, dass man nicht mehr weiterweiß?

In solchen Situationen können oft schon Freund:innen, Familie, Kolleg:innen oder Vertrauenspersonen im Betrieb eine große Unterstützung sein, weil sie zuhören und Rückhalt geben.

Wenn das nicht ausreicht oder man seine Probleme lieber jemand anderem anvertrauen möchte, gibt es auch professionelle Unterstützungsmöglichkeiten: Erste Anlaufstelle kann zum Beispiel der Hausarzt oder die Hausärztin sein, um die nächsten Schritte zu überlegen. Außerdem bieten psychologische Dienste, wie der Patientenservice (Tel.: 116-117) oder die TelefonSeelsorge (Tel.: 116-123, per Chat, vor Ort etc.), rund um die Uhr Unterstützung. Das Wichtigste ist: Man muss solche Situationen nicht allein durchstehen, es gibt immer jemanden, der helfen kann. 

  1. Gibt es eine kleine Übung oder Routine, die du selbst empfehlen würdest, um „runterzukommen“?

Eine Übung, die ich selbst sehr gerne mache, ist super einfach und lässt sich gut in den Arbeitsalltag integrieren: Wenn ich bei der Arbeit zwischendurch kurz Zeit habe, stelle ich mir auf meinem Handy einen Timer von einer Minute. Ich starte den Timer, schließe die Augen und atme bewusst tief durch. Dabei konzentriere ich mich ganz auf den Moment, spüre meinen Atem – wie er ein- und ausströmt – und mache mir bewusst, wie ich mich gerade fühle. Sobald der Timer abläuft, beende ich die Übung. Es ist immer wieder erstaunlich, wie viel schon eine Minute Ruhe bewirken kann. 

  1. Hast du einen Tipp, den du jeder oder jedem Auszubildenden mit auf den Weg geben würdest?

Macht euch in schwierigen Zeiten immer bewusst: Es ist vollkommen in Ordnung, sich manchmal niedergeschlagen oder überfordert zu fühlen – damit seid ihr nicht allein, denn auch diese Gefühle gehören zum Leben dazu. Habt den Mut, offen darüber zu sprechen und euch Unterstützung zu holen, wenn ihr sie benötigt. Denn euer Wohlbefinden ist die wichtigste Grundlage für alles, was ihr erreichen wollt.

Vielen Dank, dass Du dir die Zeit genommen hast, mit uns über dieses wichtige Thema zu sprechen, Jennifer Schomakers. Wir hoffen, dass diese Einblicke und Impulse Mut machen, dem Thema noch mehr Beachtung und Sensibilität zu schenken.

Falls Sie Interesse haben, dieses Thema für Auszubildende, Ausbildende oder Kolleg:innen anzubieten, melden Sie sich gern bei uns. Wir freuen uns darauf, Sie zu unterstützen!

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On 26. November 2025
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